One day baby

Ein Hörsaal Slam klingt nach einer ungewöhnlichen Sache. Was soll man sich darunter vorstellen? Auf der Seite der Uni Bielefeld wird erklärt, dass es sich um einen Wettbewerb handelt, bei dem es um eine „Mischung aus kreativer Wortakrobatik, Alltagsphilosophie und kuriosen Geschichten rund um die Universität“ geht. Diese regelmäßig stattfindende Veranstaltung wird in einem Hörsaal in Bielefeld ausgetragen und Slammer aus ganz Deutschland treten dichtend gegeneinander an. Welche Werke ins Finale kommen und welches Werk letztendlich gewinnt, entscheidet das Publikum. Videos über die einzelnen Beiträge sind auf YouTube zu finden. Und ein Beitrag vom Hörsaal Slam 2013 hat besonders Anklang auf Facebook gefunden:

Es ist der Beitrag von Julia Engelmann, der sich mit der Zeile aus einem Popsong beschäftigt, die lautet: „One day baby, we‘ll be old and think of all the stories, that we could have told.“ Ihr Text handelt vom Aufschieben einiger Dinge, vom Zeit-ungenutzt-verstreichen-lassen und von dem Gefühl, später keine richtigen Geschichten zu erzählen zu haben. Sie beschreibt ein Gefühl, das vielleicht fast jeder Mensch schon mal irgendwie so hatte: Das Gefühl, dass das Leben einfach so an uns vorbeizieht und wir nicht das daraus machen, was wir daraus machen könnten.

Und vielleicht, ist es auch gar nicht so leicht, herauszufinden, was es bedeutet, das Leben beim Schopf zu packen und jede Minute auszukosten. Denn uns wird ja von Beginn unseres Lebens an gesagt, worauf es ankommt in einem „erfolgreichen“ Leben: eine gute Schulbildung, dann eine ordentliche Ausbildung, wobei ein Studium ja noch besser wäre, dann ein gut bezahlter Job, Familie und Kinder. Das scheint der Leitfaden zu sein, der uns schon früh eingeimpft wird. Aber das kann nicht alles sein. Die großen Dinge machen noch lange kein erfülltes Leben aus und sind für manche auch eher abschreckend als erstrebenswert. Und was wäre ein Leben, würde es nicht aus mehr bestehen? Aus Rückschlägen, nach denen man wieder auf die Beine kommt und aus vielen kleinen Momenten, in denen sich letztendlich das große Glück versteckt?

Die kleinen Dinge spielen im Leben vielleicht eine viel größere Rolle, als wir denken, und wenn sie fehlen, dann macht sich das bemerkbar. So sind Pflanzen, um zu wachsen, vor allem auf Calcium, Eisen und Magnesium angewiesen. Haben sie einen Mangel an diesen drei Stoffen, entwickeln sich die Blätter schlecht und sie sind zum Teil nicht in der Lage, Photosynthese zu betreiben, was lebenswichtig für Pflanzen ist. Des Weiteren benötigen Pflanzen sogenannte Spurenelemente, um zu wachsen. Diese Elemente, die deshalb so heißen, weil sie nur in geringen Mengen benötigt werden, sind z. B. Zinksulfat und Kupfersulfat. Fehlen diese der Pflanze, kann sie überhaupt nicht richtig wachsen. Sie entwickelt dann lediglich einen Zwergwuchs. Wie ist das möglich, wo diese Spurenelemente doch nur in ganz geringem Maß benötigt werden? Wie kann etwas so kleines einen so großen Ausschlag auf das Leben der Pflanze haben?

Aber genau das ist der Punkt. Zu einem wirklich erfüllten Leben gehören vielleicht ganz besonders all die winzigen Dinge dazu, die wir so leicht übersehen und die uns erst auffallen, wenn sie fehlen. Wir halten sie für nicht so wichtig, dabei hätten wir ohne diese Dinge womöglich keinen sicheren Stand. Und so vervollständigt es unser Leben möglicherweise, wenn wir einfach mal rausgehen und so viele kleine Dinge wie möglich suchen, machen, genießen und erfahren.

Wenn wir nicht immer nur die großen Sachen planen und angehen, sondern mal ganz bewusst unsere Aufmerksamkeit auf all das richten, was wir schon immer tun wollten. Wenn wir unseren Gefühlen mal ein bisschen mehr Spielraum geben und uns einfach trauen, etwas zu tun. Wenn wir uns einfach auf das Hier und Jetzt konzentrieren und daraus alles machen, was wir wollen, wenn wir jede Sekunde genießen und versuchen, unser Leben zu bereichern, dann machen wir womöglich einzigartige Erfahrungen. Denn was wir irgendwann mal sein werden, was wir irgendwann mal haben werden, das bestimmen wir genau jetzt. Jetzt ist die Zeit, in der wir die Geschichten schreiben, die wir später erzählen. Oder um es mit den Worten von Julia Engelmann zu sagen: „Lasst uns Geschichten schreiben, die wir später gerne erzählen.“

Oder wollen wir irgendwann mal sagen, wir hätten dies und jenes fast getan oder erlebt? Eher nicht. Wir wollen es deshalb ohne fast sagen. Also gehen wir uns Leben an. „Mut ist auch nur ein Anagramm von Glück“, sagt Julia Engelmann. Oder mit den Worten Nikes: „Just do it.“