Leben am Limit

Den Mount Everest besteigen? Mit einem Wingsuit aus dem Flugzeug springen und wie ein Vogel durch die Luft sausen? Basejumping? Fallschirmspringen? Roofing?

Bei dem ein oder anderen, mag eine dieser extremen Aktivitäten vielleicht irgendwo auf einer Lebensliste stehen, doch das dann auch in die Tat umzusetzen, fällt vielen schwer. Und wenn sie es tun, dann auch wirklich nur einmal. Eine Extremsportart zum regelmäßigen Hobby zu machen, fällt den wenigsten ein. Und doch gibt es einige, die das tun.

So wurde der Mount Everest nach dem Stand des 31. Dezember 2008, 4109 Mal bestiegen und das sicherlich nicht nur von professionellen Bergsteigern oder geübten Extremsportlern. Auch Anfänger und solche, die noch nie irgendeinen Berg bestiegen haben, wollen den Gipfel des Mount Everest besteigen und verlassen sich dabei auf die bezahlten Bergführer. Dieser Ansturm auf den Gipfel brach bereits in den 1980er-Jahren aus und versiegte nicht. So stand am 22. Mai 2003 mit 116 Menschen die bisher größte Anzahl von Kletterern auf dem Gipfel. Und das trotz der vielfältigen Gefahren: Wetterumschwünge, Erfrierungen, Erschöpfung, Höhenkrankheit, Lungen- und Hirnödeme und vor allem mit akutem Sauerstoffmangel haben es die Bergsteiger am Mount Everest zu tun. Versucht man den Gipfel zu besteigen, hat man nur einen Drittel des Sauerstoffgehalts in der Luft wie auf Meereshöhe. Und geht es einem Bergsteiger dort oben schlecht, dann hat er ein echtes Problem. Denn mit ärztlicher Hilfe sieht es schlecht aus. Ab einer bestimmten Höhe können auch die anderen Bergsteiger nicht mehr helfen, denn jede Anstrengung kostet dort oben unvorstellbar viel Kraft. So ließen bereits über 200 Menschen bei Besteigungsversuchen ihr Leben.

So ein Klettern ist ein Spiel auf Leben und Tod. Trotzdem versuchen es auch Menschen mit Asthma, Prothesen an beiden Beinen und weiteren körperlichen Behinderungen. Sie wissen ganz genau um die Gefahren und die Anstrengung und sind auch bereit, für die Besteigung rund 40.000 US-Dollar zu zahlen. Doch warum tun sie das?

Ebenfalls ein riskantes Hobby haben die sogenannten Wingsuitpiloten. Das sind Basejumper oder Fallschirmspringer, die mit einem Wingsuit in den freien Fall springen. Ein Wingsuit ist ein Flügelanzug, der Stoffflächen zwischen den Armen und Beinen hat, die von der Luft durchströmt werden und dadurch als Flügel wirken. So fallen die Wingsuitpiloten nicht einfach horizontal vom Himmel, sondern können mithilfe dieses Anzugs vertikal fliegen. Auf einen Meter Sinkflug kommen drei Meter Horizontalflug. Sie sehen aus wie Vögel, die am Himmel entlang gleiten, wenn sie z. B. aus einem Flugzeug springen. In Deutschland darf man aber erst mit einem Wingsuit springen, wenn man bereits zweihundert Fallschirmsprünge absolviert hat. Mit einem Wingsuit muss man aber nicht unbedingt aus einem Flugzeug springen, man kann dies auch von einem Gebäude, einer Antenne oder einer Brücke aus tun (Basejump). Gelandet wird trotzdem mit einem Fallschirm, der in den Anzug integriert ist. Und der ist auch nötig, bei Geschwindigkeiten von 130 km/h, die während des Horizontalflugs erreicht werden. Es ist ein gefährliches Hobby, bei dem es auch viele Unfälle und Todesfälle gibt. Gerade bei den Fliegern, die einen Basejump vollführen. So gibt es in Deutschland strenge Auflagen: Für jeden Sprung ist eine Genehmigung nötig, Absprungstellen und Landeplätze müssen freigegeben sein. In der Schweiz sieht man das lockerer, deswegen wird dort auch sehr gerne gesprungen, obwohl sich die Bevölkerung über die häufigen Todes- und Unfälle der Flieger beschwert. Wie gerade erst Anfang April 2014, als drei Menschen nach einem Wingsuitsprung über den Schweizer Alpen in den Tod sprangen. Doch das Risiko wird von sämtlichen Fliegern in Kauf genommen.

So auch von Fallschirmspringern. Ebenfalls Anfang April war es die Deutsche Diana Paris, die beim Weltrekordversuch in Arizona,USA, in den Tod stürzte. Nach über 2000 Sprüngen, die sie seit 1998 absolvierte, entfaltete sich ausgerechnet bei diesem Sprung ihr Schirm nicht und es war zu spät, um den Reserveschirm zu öffnen. Eine Springerkollegin sagte dazu: „Du kannst sterben, wenn du über die Straße gehst. Es ist traurig, aber es passiert. Du weißt, es kann immer passieren.“ 

Aus einer großen Höhe abstürzen, können jederzeit auch die Roofer: zumeist Jugendliche, welche die Trendsportart Roofing ausüben. Das bedeutet, sie klettern ohne irgendeine Art von Sicherung auf hohe Gebäude, Bauwerke, Kräne und so weiter und filmen sich dabei oder schießen Fotos. Besonders in Russland ist das Roofing sehr beliebt und manche Roofer treiben es auf die Spitze, wenn sie auf engen Flächen hoch über dem Boden Salti schlagen oder sich an einem Arm von der Kante des Gebäudes baumeln lassen. Das es auch hierbei viele Todesfälle gibt ist wohl überflüssig zu erwähnen. So manch einer mag sagen, das Roofer lebensmüde Spinner sind und es ihnen nur um den Kick geht. Wirklich Verständnis aufzubringen fällt schwer. Aber die Bilder und Filmaufnahmen sind trotzdem beeindruckend.

All diese Beispiele beschreiben Menschen, die mit ihren Hobbys Grenzerfahrungen machen. Ob man nun den Mount Everest besteigt, aus einem Flugzeug springt oder sich an einem Arm von einem Kran baumeln lässt, es ist gefährlich und es geht dabei um Leben und Tod. Doch es gibt auch Grenzerfahrungen der anderen Art. Das „Jenke-Experiment“  ist eine Sendung auf RTL, in der Jenke von Wilmsdorff sich selbst extremen Erfahrungen und Experimenten aussetzt. So geht es mal nachdenklicher zu, wenn er sich mit dem Thema Tod beschäftigt, eine Woche in einem Sterbehospiz verbringt und in einem Sarg probeliegt. Er versucht aber auch, mehrere Tage blind und gehörlos durchs Leben zu gehen und testet in einem anderen Experiment, was Drogen wie Cannabis für Auswirkungen auf seinen Körper haben, wenn er fünf Tage lang zum Dauerkiffer wird. In einem anderen spektakulären Experiment macht er sich durch täglichen, heftigen Alkoholkonsum selbst zum Alkoholiker, um dann zu spüren, was Entzug wirklich bedeutet. Es geht in dieser Sendung also immer darum, etwas am eigenen Leib zu erfahren, die eigene Wahrnehmung zu erweitern, wenn auch in teils krassen Selbstversuchen.

Und damit sind wir bei der Frage, die sich Menschen zu allen Zeiten schon gestellt haben: Wie spüren wir das Leben wirklich, wie erfahren wir es in all seinen Facetten? Vielleicht geht es vielen Roofern, Basejumpern und Bergsteigern wirklich nur um den Adrenalinkick, doch ein wenig bewundert man sie insgeheim manchmal doch. Sie tun, was nicht jeder tut, und währenddessen spüren sie, wie sehr sie am Leben sind. Sie machen einmalige Erfahrungen.

Es geht hier nicht darum, zum Leichtsinn anzustiften. Roofing ist lebensgefährlich und sicherlich nichts, was man einfach so nachmachen sollte. Aber eines ist sicher, und das wissen wir eigentlich auch: Manchmal muss man bereit sein, gewisse Risiken einzugehen, um wirklich zu leben. Und die sehen für jeden Menschen anders aus. Für manche ist es womöglich schon riskant, ohne Regenschirm das Haus zu verlassen. Doch wenn wir uns fragen, warum diese Extremsportler das tun, was sie tun, entdecken wir in uns vielleicht auch den Freigeist, den Abenteurer, der gerne etwas Neues ausprobieren möchte. Vielleicht sollten wir hin und wieder einfach mal unser eigenes Jenke-Experiment starten. Schließlich gilt noch immer: No risk, no fun.