Mensch vs. Bakterium

Bakterien sind in der Regel nur wenige Mikrometer groß und dennoch flößen sie uns Respekt ein. Wer denkt da nicht automatisch an kleine Biester, die gefährlich für uns Menschen sind und schlimme Krankheiten übertragen? Aber damit tun wir den Bakterien Unrecht. In Wirklichkeit sind uns diese Mikroorganismen mehr nützlich als dass sie uns schaden. Unser Leben wäre ohne Bakterien überhaupt nicht möglich.

Heutzutage beträgt der Sauerstoffgehalt in der Luft ca. 21 %. Zu Beginn des Lebens auf der Erde gab es vermutlich gar keinen Sauerstoff in der Atmosphäre. Er entstand erst durch Cyanobakterien. Das sind spezielle Bakterien, die Photosynthese auch unter Schwachlicht betreiben können und auf diesem Weg Sauerstoff bilden. Erst durch die oxygene Photosynthese der Cyanobakterien war es Pflanzen möglich, auf der Erde zu wachsen und erst dadurch, stieg der Sauerstoffgehalt in der Luft auf unseren heutigen Prozentsatz. Nur durch diese Mikroben ist es uns Menschen also letztendlich möglich, auf der Erde zu leben. Doch Bakterien haben noch einen viel größeren Nutzen für uns Menschen.

Sie sind sie etwa Mitarbeiter in der Lebensmittelindustrie. Bakterien werden genutzt, um die Löcher in den Käse zu machen, sie spielen bei der Herstellung von Alkohol eine Rolle (Apfelwein wäre ohne sie nicht möglich) und unzählige Milchsäurebakterien sind an der Herstellung diverser Milchprodukte beteiligt. Genauso nützlich sind Bakterien in der Kosmetikherstellung. Außerdem sind sie Produzenten von Antibiotika. Sie spielen für unser alltägliches Leben dementsprechend eine große Rolle. Aber das war noch nicht alles.

Wir Menschen haben mehr Bakterien an und in uns, als wir Körperzellen besitzen. Allein in unserem Mund befinden sich 10.000 Bakterien. Sie sind auch auf unserer Haut, wo sie einen schützenden Säuremantel bilden. Am wichtigsten sind Bakterien jedoch für unsere Verdauung. Unser Darm ist voll davon, und diese Mikroben fressen alles auf, was wir nicht verwerten können. Hätten wir keine Bakterien in unserem Darm, wären wir arm dran. Babys sollten genau aus diesem Grund nitratfreie Nahrung zu sich nehmen, weil sie eben noch keine Bakterien in ihrem Darm haben, die diesen Stoff verwerten können.

Bakterien spielen auch die zentrale Rolle beim Stickstoffstoffwechsel auf der Erde. Nur Bakterien können Stickstoff fixieren und ihn in andere, dem Ökosystem dienliche Stoffe überführen. So brauchen wir z. B. Nitrat zum Düngen. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele, um die Wichtigkeit der Bakterien auf dieser Erde zu verdeutlichen, aber es genügt wohl zu sagen, dass kein Ort auf dieser Welt frei von Mikroben ist. Sogar an den heißesten und den kältesten Orten gibt es Bakterien. Sie sind extremophil, was bedeutet, dass sie unter extremen Bedingungen leben können, und 99 % der Bakterien sind für uns Menschen nützlich.

Warum haben wir trotzdem ein so schlechtes Bild von ihnen und möchten jedes Mal, wenn wir dieses Wort hören, mit dem Desinfektionsmittel ankommen? Nun, vielleicht, weil die letzten 0,1 % der Bakterien eben doch sehr gefährlich für uns sein können. Und zu diesem geringen Prozentsatz gehören Pathogene: Krankheiterreger, also Organismen, die in anderen Organismen Schädigungen hervorrufen können. Pathogene Bakterien nisten sich in unseren Zellen ein und schädigen diese, indem sie toxische Stoffe absondern. Unterschiedliche Pathogene haben verschiedene Mechanismen, in unseren Körper einzudringen und sich dort zu vermehren. Manche sind weniger schädlich, andere mehr. Aber dass uns Pathogene nicht gut tun, ist klar. Wer erinnert sich nicht noch an EHEC? Und wer hat nicht schon einmal von den gefürchteten multiresistenten Keimen gehört, die immerhin jährlich für mehrere Tausend Tote in Krankenhäusern sorgen?

Denn ähnlich wie wir Menschen, „entwickeln“ sich auch Bakterien weiter. Bakterien sind nicht imstande, laufen und sprechen zu lernen, aber sie sind in der Lage, sich gegenseitig Gene zu übertragen und Resistenzen gegen bestimmte Antibiotika zu entwickeln. Und das können sie viel schneller, als es uns Menschen lieb ist. Bereits zehn Jahre nach Erscheinen gewisser Antibiotika tauchten Bakterien auf, die dagegen eine Resistenz entwickelt hatten. Geben diese Bakterien jetzt die Gene, die für die Antibiotikaresistenz codieren, auf andere Bakterien weiter, so breitet sich die Antibiotikaresistenz aus. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Auf diese Weise entstehen multiresistente Keime: Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Dagegen ist nicht viel zu unternehmen.

Unter guten Bedingungen – was bedeutet, einer optimalen Temperatur, genügend Nahrung und einer hohen Bakteriendichte – teilen sich Bakterien alle zwanzig Minuten, können sich also wie ein Lauffeuer ausbreiten und ihre Gene aufeinander übertragen. Gerade in Krankenhäusern funktioniert das sehr gut. Aber auch in der Natur kann das leicht geschehen. Es braucht nur ein wenig verunreinigtes Abwasser versehentlich auf eine Obstwiese geleitet werden, wodurch pathogene Bakterien auf unseren Lebensmitteln landen und schon können wir uns mit einem gefährlichen Keim infizieren. Und gelangt ein multiresistentes Bakterium in unsere Blutbahn, dann wird es richtig gefährlich und bedeutet oftmals unseren Tod.

Fazit: Letztendlich können wir nicht ohne Bakterien, sie sind lebenswichtig für uns, aber vor gewissen Bakterien müssen wir uns in Acht nehmen. Das ist aber gar nicht so leicht. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, hat in den winzigen Mikroben einen ernstzunehmenden Gegner gefunden. Bakterien mögen weniger Gene haben als wir, aber durch die Fähigkeit zum Gentransfer, sind sie sehr variabel und nicht so leicht auszulöschen. So sind die Bakteriengattungen Clostridium und Bacillus auch in der Lage, hitzeresistente Überdauerungsformen, die sogenannten Endosporen, zu bilden und sich damit bei schlechten Bedingungen zu schützen. Diese Endosporen sind so stabil, dass sie gegen Hitze, Trockenheit, viele Chemikalien, UV-Licht und noch einige andere Dinge gefeit sind. Mikroben haben uns gewissermaßen also einiges voraus.

So sehr wir auch auf Bakterien angewiesen sind und so viel Gutes, wie sie uns auch bringen, gegen die pathogenen Bakterien führen wir möglicherweise einen endlosen Kampf. Und diesen Kampf zu gewinnen, ist vielleicht gar nicht möglich.