Kolumbiens grausamer “König” und die Liebe

Pablo Escobar, der Kokainkönig aus Kolumbien. Ein Mann, der in den 1970er- und 1980er-Jahren für unzählige Morde, Entführungen, Bombenanschläge und 80 % des Kokainhandels auf der Erde verantwortlich war. Er hat ein unfassbares Vermögen angehäuft, gehörte zu den reichsten Menschen der Welt und ist den Ermittlungsbehörden geradezu auf der Nase herumgetanzt. Er hat für sich keinerlei Regeln und Gesetze gelten lassen, unzählige Beamte bestochen und ermorden lassen und ist dabei mit unfassbarer Brutalität vorgegangen.

Gleichzeitig hat er für die Ärmsten seines Landes soziale Einrichtungen erbaut, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Seine Ehefrau beteuerte, die Ehe sei glücklich gewesen, obwohl er sie ständig betrog, was ihr bekannt gewesen sein dürfte. Und auch sein mittlerweile erwachsener Sohn redete in einem Interview von glücklichen Erinnerungen an seine Kindheit. Wer also war Pablo Escobar tatsächlich? Konnte man diesen Mann wirklich lieben? Und konnte Kolumbiens Kokainkönig wirklich lieben? Eine Antwort darauf werden letztendlich nur seine hinterbliebenen Familienmitglieder besitzen. Aus der Biografie Escobars lässt sich das Lieben und Geliebt-werden nicht herleiten.

Wirft man dennoch einen Blick auf seinen Lebenslauf, fällt es schwer zu glauben, dass sich irgendwer in seiner Gegenwart wohl, geschweige denn geliebt gefühlt haben könnte.

"El Patrón" Pablo Escobar

“El Patrón” Pablo Escobar (Quelle: Thierry Ehrmann/Wikimedia Commons)

Escobar wurde am 1. Dezember 1949 in der Nähe von Medellin, Kolumbien, geboren – zu einer Zeit, in der der Großteil der Kolumbianer in Armut lebte aufgrund ungleicher Machtverteilung. Systembedingt besaßen damals 3 % der Bevölkerung 97 % der Ländereien und Rohstoffe Kolumbiens. Der Mord an einem liberalen Präsidentschaftskandidaten, ein Jahr vor Escobars Geburt, führte letztendlich zu einem grausamen, brutalen Bürgerkrieg und all diese Ereignisse, sowie die gewalttätigen Auseinandersetzungen, müssen einen bleibenden Eindruck auf Pablo Escobar gehabt haben, dessen Familie eigentlich dem ländlichen Mittelstand angehörte.

Der halbwüchsige Pablo brach die Schule ab, begann bereits mit dreizehn Jahren Marihuana zu rauchen und kam, weil er seine Jugend hauptsächlich im Medelliner Rotlichtbezirk verbrachte, in Kontakt mit Unterweltgrößen, die ihm später noch nützlich sein sollten. Er begann seine kriminelle Laufbahn mit dem Schmuggeln von Zigaretten und Marihuana sowie Raubüberfällen. Mit zwanzig Jahren stahl er Autos, zerlegte sie und verkaufte sie als Hehlerware weiter. Seine weitere Laufbahn erschien also früh vorgezeichnet und seine Mutter sagte sogar über ihn aus, er sei für eine ehrliche Tätigkeit nicht geeignet gewesen, da er sich schon in jungen Jahren große Macht hatte aneignen wollen. Dieser Wunsch ist sogar irgendwie verständlich, wenn man bedenkt, welche unsicheren Verhältnisse in Kolumbien herrschten, doch ist es keine Frage, dass dieser Machthunger Escobar in eine unfassbare Skrupellosigkeit und Brutalität führte.

So entführte er gemeinsam mit seiner Bande reiche Kolumbianer und tötete sie ganz gleich, ob eine Lösegeldzahlung erfolgt war oder nicht. Es war seine Art der Machtdemonstration. Bei all seinen grausamen Taten ging er aber auch mit einer gewissen Schläue vor. Dies beweist u. a. die 1971 getätigte Entführung eines beim Volk unbeliebten Industriellen, den er nach Erhalt des Lösegeld ebenfalls erdrosselte. Davon abgesehen, dass ihn diese Entführung in ganz Medellin bekannt machte, erschlich er sich so möglicherweise einige Sympathisanten. Als Mitte der 1970er-Jahre der Handel mit Marihuana dann durch den mit Kokain abgelöst wurde, stieg auch Escobar um und wurde der Pionier in diesem Geschäft.

Angeblich scheffelte er in seinen besten Jahren 1,5 Milliarden US-Dollar pro Tag. Wie schaffte er das? Was war mit der “Konkurrenz” und der Polizei?

Mithilfe eines Piloten, der sich in Miami sehr gut auskannte, knüpfte Escobar Schmuggelverbindungen in die USA. Sportflugzeuge wurden gekauft und weitere Piloten angeheuert. Ein bis zwei Lieferungen, die nach Miami ausgeflogen wurden, enthielten ca. vierzig bis sechzig Kilogramm Kokain und damit wurden rund 40.000 Dollar erwirtschaftet. Das Kokain ließ er von unabhängigen Pflanzern gewinnen und überwachte den Transport. Die Gewinne seines Geschäfts lagen weit über den Verlusten von z. B. abgefangenen Lieferungen. Mithilfe von Mini-U-Booten schmuggelte er ein bis zwei Tonnen Kokain bis nach Puerto Rico und in der Endphase seiner „Karriere“ transportierte er sogar zehn Tonnen Kokain in einer umgebauten Boeing in die USA. So war es auch der Kokainschmuggel in die USA, der die meisten Gewinne abwarf. Schon alleine deshalb, weil Kokain dort dreimal teurer verkauft wurde als in Kolumbien. Ein Kilo hatte jenseits der Grenze also einen Wert von 30.000 Dollar, der noch stieg, da der Reinheitsgrad von 90 % auf 30 % gestreckt wurde. So lag der Wert eines Kilos letztlich bei 90.000 Dollar.

Seine Rivalen ließ Escobar kaltblütig ermorden. Aber auch Verbündete ließ er bedenkenlos umbringen, wenn es seinem Geschäft dienlich war. Allein sein engster Vertrauter tötete auf seinen Befehl hin 150 Menschen, einfach so. Zudem ließ Escobar dreißig Richter und 457 Polizisten beseitigen und brachte es in den 1980ern auf eine wöchentliche Mordrate von zwanzig Toten in Medllin.

Diese hohe Quote war auch der Grund dafür, warum ihm die Polizei nicht das Handwerk lege konnte. Wenn Escobar oder ein Mitglied seiner Familie oder Bande mal verhaftet wurde, kamen sie alle immer wieder frei, durch Bestechungen, Morddrohungen und eben Ermordungen der Polizisten, welche die Verhaftung durchgeführt hatten. Eine Machtdemonstration, die ihresgleichen sucht. Das Prinzip, das Escobar damit einführte, lautete: „Entweder du lässt dich bestechen oder es fliegen Bleikugeln.“

Gleichzeitig stellte sich Escobar der kolumbianischen Öffentlichkeit ganz anders dar. Er rechtfertigte seinen Drogenhandel damit, „ein neues, modernes und fortschrittliches Kolumbien aufbauen“ zu wollen. Er gab eine Zeitung heraus, die ihn pries, er zahlte dem Personal in seinen Drogenlaboratorien viel Geld und das Pablo-Escobar-Viertel, das ihm zu Ehren für Obdachlose errichtet wurde, spricht seine eigene Sprache. 1978 wurde er auch noch in den Stadtrat von Medellin gewählt, wodurch er sich politische Immunität erwarb und vor weiterer Strafverfolgung geschützt sah. Seine Brutalität nahm aber damit kein Ende.

Wie bereits erwähnt, war Escobar verheiratet und hatte zwei Kinder. Er ehelichte seine Frau 1976, als diese gerade einmal fünfzehn Jahre alt war. Sie heiratete ihn dementsprechend in einer Zeit, in der sein Geschäft florierte und er sich bereits einen Namen gemacht hatte. Sicherlich konnte das junge Mädchen noch nicht überblicken, was sie da tat bzw. was er da tat. Eine Zwangsehe wäre vielleicht denkbar, aber: „Die Ehe wurde nach eigener Aussage als sehr glücklich eingeschätzt.“ Wie kann das sein? Welche Seite hat sie an ihm kennen und lieben gelernt, die der Rest der Welt nicht gesehen hat? Konnte sie diesen Mann trotz allem, was er tat, tatsächlich lieben? Und konnte er bei all dieser Grausamkeit tatsächlich auch lieben?

Seine Ehefrau schien jedenfalls nichts mit seinen Geschäften zu tun gehabt zu haben. Sie wurde nie verurteilt oder ähnliches. Doch das sie Bescheid wusste, auch von den Morden, ist klar. Sie wusste vielleicht auch, dass er sie mit unzähligen jungen Frauen betrog und sie wusste dann möglicherweise auch, dass er seine Geliebten, die schwanger wurden, einfach umbringen ließ. Er feierte Partys, zu denen er fünfzig junge Frauen einlud und als er herausfand, dass eine der Frauen eine eingeschleuste Polizistin war, brachte er alle anderen neunundvierzig auch um. Seine Gewalt richtete sich gegen alles und jeden. Nur nicht gegen seine Familie.

Er sorgte für sie, kümmerte sich, kaufte Villen in Miami und verwöhnte seinen Sohn. Nichts war ihm zu teuer. In einem Interview mit dem Focus 1994, gab sein Sohn an, dass er viele glückliche Erinnerungen an seine Kindheit habe, dass sein Vater viel Gutes für Kolumbien getan hätte, indem er 1000 Häuser und Wohnungen für die Armen bauen ließ. Nie wurde von Gewalt gegen die Familie berichtet. Wie ist das möglich? Pablo Escobar, der skrupellose Drogenbaron liebte also tatsächlich seine Frau und seine Kinder?

Einem Mann wie diesem, der Menschenleben auslöschte wie Buchstaben mit einem Radiergummi, möchte man diese Fähigkeit am liebsten absprechen. Es wäre zu menschlich für jemanden, der so viel Unmenschliches getan hat. Wieso liebte er unter all den Frauen, die er hatte, ausgerechnet diese eine? Wieso liebte er nur die Kinder, die er mit dieser Frau hatte und gab den anderen noch nicht mal die Chance, auf die Welt zu kommen?

In einer Dokumentation von n-tv mit dem Titel “Der Kokain-König” heißt es, seine Familie war seine Achillesferse. Als sich Mitte der 80er-Jahre das Bewusstsein der Allgemeinheit gegen Kokain richtete und die Amerikaner gemeinsam mit den Kolumbianern Jagd auf Escobar machten, war er zur Flucht und damit zur Trennung von seiner Familie verdammt und bemühte sich, diese in einem fremden Land in Sicherheit zu bringen. Aber niemand wollte Escobars Familie aufnehmen, was den Druck auf ihn erhöhte. Er telefonierte, obwohl er auf der Flucht war und die Polizei die Gespräche abhörte, jeden Tag zur selben Zeit mit seinem Sohn. Um nicht geschnappt zu werden, ließ er sich dazu sogar einmal mit einem Taxi quer durch die Stadt fahren, während er mit seinem Sohn telefonierte. Zeichnet man dieses Bild von ihm, erkennt man Fürsorge. Gleichzeitig überzog er Bogota zu dieser Zeit mit unzähligen Bombenanschlägen, bei denen er billigend in Kauf nahm, dass Männer, Frauen und Kinder starben. Und er setzte Kopfgelder auf kolumbianische Polizisten aus. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er anderen Kindern die Eltern oder den Kindern selbst das Leben nahm. Es passt vieles nicht zusammen.

Selbst nach Escobars Tod am 2.12.1993 (er wurde erschossen, nachdem ihn die Polizei während eines Telefonats mit seiner Frau aufspürte) spricht seine Witwe davon, dass ihr Pablo eine andere Seite hatte, spricht sogar von Romantik in einem Interview und davon, wie toll er sie durch ihr Leben begleitet hat. Seine Familie verteidigt ihn.

Die Frage bleibt offen: Ist es möglich, Pablo Escobar zu lieben? Wie geht das? Wie kann man einen Mann lieben und glücklich an dessen Seite leben, während er Terror, Angst und Schrecken verbreitet? Wie konnte sie sich sicher sein, dass er ihr nichts antut? War es am Ende vielleicht doch Angst, das viele Geld und der Luxus oder die Bewunderung seiner Macht, die sie an seiner Seite hielt?

Die Antwort darauf hat seine Witwe gegeben, ob man sie glaubt oder weiter spekulieren will, bleibt jedem selbst überlassen. Eines scheint aber sich zu sein: Wenn es tatsächlich Liebe war, was die beiden verbunden hat, kann dieses Gefühl mehr als nur blind machen und uns gleichzeitig Dinge erkennen lassen, die sehr tief unter der Oberfläche liegen. Vielleicht hat ja jeder von uns in seinem Bekanntenkreis ein Paar, dessen Beziehung und dessen Liebe ihm unverständlich erscheinen. Aber wenn die Ehe zwischen Pablo Escobar und seiner Frau wirklich auf Liebe basierte, dann darf uns nichts mehr wundern.

Die Liebe kommt, vergeht und bleibt wie sie will. Sie fällt genau da hin, wo es ihr gefällt. Niemand weiß warum. Außer den beiden, die sei miteinander teilen.

Die direkten Zitate stammen von Wikipedia, Stand: 10.5.2014